Wie lange noch?

Der Online-Andauer-Rechner nach J.Richard Gott III

In J. Richard Gotts Buch "Zeitreisen in Einsteins Universum" (ISBN 3-499-61577-0) findet sich ein Kapitel Bericht aus der Zukunft, in dem Herr Gott - nicht zu verwechseln mit dem Herrgott - eine simple statistische Methode vorstellt, die weitere Andauer jedes beliebigen Phänomens allein anhand seiner bisherigen Existenzdauer(!) auf einem 95%-Signifikanzniveau (= 95%-Vertrauenswahrscheinlichkeit = 95%-Konfidenzintervall) vorherzusagen.

Hierzu ist lediglich erforderlich, dass man auf das Kopernikanische Prinzip vertraut, wonach man selbst als Beobachter keine Sonderstellung zum beobachteten Phänomen einnimmt, dass man also das Phänomen zu einem rein zufälligen Zeitpunkt seiner Existenz beobachtet und keinerlei gegenseitige Beeinflussung besteht. Ein Gegenbeispiel, das dieses Kriterium nicht erfüllt: Bist du auf einer Hochzeit eingeladen, ist´s wenig sinnvoll, der Braut 5 Minuten nach der Trauung zu eröffnen, dass sie noch maximal 195 Minuten, mindestens aber 0,13 Minuten verheiratet sein wird, denn du bist nicht zufällig anwesend, sonder explizit zu Beginn des Beobachtungsphänomens eingeladen, stehst also sogar in einer Beziehung dazu. Wenn der Teufel es will, hast du sogar die Braut zur Heirat bequatscht...

Es folgt die Ableitung:

Wie auf der folgenden Grafik abzulesen ist, besteht eine 50% Wahrscheinlichkeit, dass eine Beobachtung in die beiden mittleren Viertel des Zeitraums seiner Beobachtbarkeit fällt. Das Kopernikanische Prinzip gibt dabei vor, dass wir eben nicht zufälligerweise ganz nah dem Anfang oder dem Ende des Phänomens die Beobachtung machen!


fifty-fifty

Wie zu sehen ist, kann der Beobachtungszeitpunkt im Extremfall am Anfang der mittleren 50%-Spanne liegen (dann ist die Zukunft des Phänomens noch dreimal so lang wie seine bisherige Vergangenheit) oder am Ende (dann ist die Zukunft des Phänomens nur noch ein Drittel so lang wie seine bisherige Vergangenheit). Demnach kann hier die Aussage getroffen werden, dass es noch mindestens 3 mal so lange andauert wie existiert und noch maximal ein Drittel so lange (mit 50% Sicherheit)

Nun ist eine 50%-Aussage nicht grade das, wovon Hellseher so träumen. Nehmen wir also mal die berühmte 95%-Vertrauenswahrscheinlichkeit, auf der die meisten wissenschaftlichen Aussagen abgesichert werden. Wie auf der folgenden Grafik zu sehen ist, wird bei einer 95%-Aussage die "Ungenauigkeit" der Vorhersage deutlich grösser (wobei aber die Sicherheit eben auf 95% ansteigt).


fast Hundert

In diesem Fall gehen wir davon aus, dass die Beobachtung in die inneren 39/40 des Zeitraums seiner Beobachtbarkeit fällt. Im Extrem hat das Phänomen dann noch das 39-fache seiner bisherigen Andauer vor sich oder nur noch den 39sten Teil. Das erscheint als ziemliche Spanne - ganz klar - und wenn man auf 100% Sicherheit ginge, müsste man sagen, dass mit 100%tiger Sicherheit ein Phänomen noch zwischen 0 und unendlich viel Sekunden andauern wird. Dennoch lassen sich nun mit sagenhaften 95% Sicherheit Aussagen treffen, ohne über das beobachtete Phänomen irgendetwas wissen zu müssen als seine bisherige Lebensdauer!

Herr Gott macht dies an einem verblüffenden Beispiel klar, das zugleich einen tiefen Einblick in die "Kopernikanische Denkweise" gewährt: Nennenswerte menschliche Intelligenz gibt es seit etwa 200.000 Jahren auf der Erde. Daraus berechnt sich, dass das Phänomen noch mindestens 5.100 Jahre andauern wird und maximal 7,8 Millionen Jahre. Interessant hieran ist, dass die Vermutung, die menschliche Intelligenz würde es noch - sagen wir mal - 2 Milliarden Jahre geben eine geradezu lächerlich geringe statistische Wahrscheinlicheit hat!

Das Kopernikanische Prinzip sagt uns: Falls es noch viele Milliarden Jahre lang intelligente Menschen geben wird, so wird die weit überwiegende Anzahl der Menschen in dieser Zukunft leben (Eine Kurve der Bevölkerungszahl würde ihren Gipfel weit in der Zukunft haben). Dann würden wir aber heute eine extreme Sonderposition einnehmen, also zu den wenigen gehören, die ganz am Anfang leben. Das ist zwar nicht unmöglich, aber es ist äusserst unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher wäre es, wenn wir selbst zu diesen Menschenmassen der Zukunft dazu gehören würden, denn die Wahrscheinlichkeit, einer von "denen" zu sein ist umso höher, je mehr es von "denen" gibt.

Ergo?: Wir gehören zu "denen" und dies ist bereits der Höhepunkt der Bevölkerungsentwicklung - oder wir sind zumindest nicht weit davon entfernt - genauer: innerhalb des 95% Konfidenzintervalls, also einige Millionen Jahre, keinesfalls aber Milliarden Jahre.



Gastkommentar von Prof. Dr. Ulrich Walter (!)

Dr. Ulrich Walter Ulrich Walter, Wissenschaftsastronaut und Professor für Raumfahrtechnik an der TU München wurde der Link auf diese Seite zugeschickt. Im Rahmen einer Diskussion um die voraussichtliche Lebenszeit der menschlichen Zivilisation und in die in diesem Zeitraum denkbare Ausbreitung des Menschen über die Galaxis antwortete er freundlich wie folgt:

...Ich kenne die Rechnungen von Gott und bin davon überzeugt, dass diese formal richtig sind.
Die Crux an ihnen (und darauf hat Gott in einer Diskussion selbst hingewiesen) sind die Berücksichtigung der genauen Bedingungen, auf denen die Ausgangszahlen basieren und mit denen die Extrapolationen durchgeführt werden. Beim Umgang mit diesem Werkzeug ist daher mit äußerster Umsicht zu verfahren (siehe Ihr Methusalem-Meerschweinchenproblem oder umgekehrt der Fall, ich würde absichtlich Ihr Meerscheinchen umbringen und so ihre Rechnung konterkarieren.).
Angewandt auf den modernen Menschen (Alter etwa 40.000 Jahre) bedeutet dies, dass der zwar maximal nur 1,5 Millionen Jahre existieren wird, er aber dann vom postmodernen Menschen abgelöst wird, weil Homo sapiens (Alter etwa 500.000 Jahre) maximal 20 Millionen Jahre existieren wird, der wiederum vom Homo astronauticus abgelöst wird, weil Homo seit ca. 3 Millionen Jahren existiert, Homo astronauticus somit max. 117 Millionen Jahre existieren wird, was für die Besiedung der Milchstraße allemal ausreicht.


Die Drohung mit der Ermordung des Meerschweinchens (siehe Anmerkung 2, ganz unten auf dieser Seite) wollen wir mal nicht so ernst nehmen und versprechen auch eine umsichtige Anwendung!




Es folgt der Gott´sche Online-Andauer-Rechner:

Damit nun jeder seine persönlichen Andauer Schätzungen machen kann, haben wir hier den vermutlich einzigen Gott´schen Online-Andauer-Rechner eingebaut, der auf einem 95% Vertrauensintervall arbeitet...


Bisherige Andauer des Phänomens


Zeiteinheit






1. Anmerkung für Pedanten: die Ergebnisse sind in der 2. Nachkommastelle gerundet

2. Anmerkung für Leute, die sich wundern, dass ihr Meerschwein u.U. rechnerisch noch 127 Jahre leben wird: Wir haben es hier mit einem Black-Box Ansatz zu tun, der rein gar nichts über das Meerschweinchen oder deren Lebenserwartungen weiss. Wer kleinlich sein will, der nehme als maximale Andauer einfach die normale Lebenserwartung von Meerschweinen an. Vorsicht aber bei Berechnung der Andauer des Phänomens "Cheops-Pyramide" - hier bringen uns das Wissen über Kleinnager nicht wirklich weiter!